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Nuancen der russischen Traurigkeit

Wehmut, Traurigkeit, Kummer… Auch im Russischen gibt es eine ganze Palette an Wörtern, mit denen man schlechte Laune beschreiben kann. Einige davon sind jedoch fast unübersetzbar.

Bild: Elena Samokysh-Sudkovskaya / public domain / Wikimedia

 

 Lesen Sie bitte diesen Text und notieren Sie die neuen Wörter und ihre Bedeutungen.

Оттенки русской грусти

Герой пушкинского „романа в стихах“ „Евгений Онегин”, блестящий молодой человек, внезапно теряет всякий интерес к шумной и веселой петербургской жизни с ее балами, балетами, ресторанами и светскими салонами и удаляется в наследственное имение. Охватившую его таинственную болезнь Пушкин определяет позаимствованным из английского словом сплин. Впрочем, он тут же поясняет, что речь идет о вполне русском явлении – хандре.1

Оба слова описывают состояние беспричинной грусти, степень которой может варьироваться – не доходя, однако, до действительно критических пределов. В современном русском языке слово „сплин“ больше почти не используется; хандра встречается чаще, но как правило, лишь в словосочетаниях „осенняя хандра“ или в производном глаголе „хандрить“. Современный российский школьник, пересказывая роман Пушкина, использовал бы, вероятно, ставшее в последнее время модным словосочетание „легкая депрессия“.

Слов, обозначающих смутное ощущение грусти, неудовлетворенности, тревоги в русском языке много. Выбор одного из них фокусирует внимание на том или ином оттенке значения. Так, хандра обозначает мрачное душевное состояние, которое распространяется и на физическое самочувствие. Тот, кто хандрит, ведет себя подобно больному: стремится поваляться в постели, отлынивает от спортивных мероприятий, жалуется на жизнь и ищет поддержки у окружающих.

Совершенно иной семантический ореол у слова „тоска“. Тот, кто тоскует, вряд ли станет жаловаться: это состояние переживается в одиночестве и придает его носителю ощущение некоторого собственного величия. Владимир Набоков, известный русский и американский писатель, в своем комментарии к «Евгению Онегину» замечал, что тоска – это особый русский феномен, который нельзя точно перевести на другие языки. При этом тоска, по его мнению, имеет много оттенков: «[…] в его наибольшей глубине и болезненности – это чувство большого, духовного страдания без какой-либо особой причины. На менее болезненном уровне – неясная боль души, страстное желание в отсутствии объекта желания, болезненное томление, смутное беспокойство, умственные страдания, сильное стремление. В отдельных случаях это может быть желание кого-либо или чего-либо определенного, ностальгия, любовное томление. На низшем уровне тоска переходит в […] скуку».2

«Тоска по родине» может «разыграться» у того, кто заехал далеко от дома и  грустит, вспоминая родные места. А о чём-то очень скучном, вроде нудной книги или скучной лекции, скажут: «Тоска зелёная!» или «Тоска смертная!».3 Но одновременно тоска – это и совершенно особенное внутреннее  состояние многих, часто демонических, героев литературы, отмечающее особый масштаб их личности.

Переживание потери или горя отражено в глаголе „горевать“ и более редких его синонимах – „тужить“ и „кручиниться“. В современной речи услышать их можно не так уж часто, однако знают их все: читающий русские сказки непременно обратит внимание, как много в них героев, которые горюют, тужат или кручинятся. Разумеется, они своевременно будут утешены, потому что добро в этом жанре неизменно одерживает победу над злом.

Слово „сплин“ тоже, кажется, должно было бы сохраниться только в памяти знатоков русской литературы 19 века. Однако это совсем не так: его знает каждый. А все благодаря российской рок-группе “Сплин”. По свидетельству самих участников группы, название это они позаимствовали не из Пушкина, а выбрали под влиянием творчества поэта „серебряного века“ Саши Черного. Одна из песен их первого альбома „Пыльная быль“ (1994) была написана на его стихи:  «Как молью изъеден я сплином, / посыпьте меня нафталином, / сложите в сундук и поставьте меня на чердак, / пока не наступит весна» („Под сурдинку“).

Nuancen der russischen Traurigkeit

Der Held von Puškins Versroman „Evgenij Onegin“, ein brillanter junger Mensch, verliert plötzlich jegliches Interesse an dem lauten und fröhlichen Petersburger Leben mit seinen Bällen, Balleten, Restaurants und feinen Salons und zieht sich auf das von ihm geerbte Landgut zurück. Die geheimnisvolle Krankheit, von der er betroffen ist, beschreibt Puškin mit dem aus dem Englischen übernommenen Wort splin. Im Übrigen erläutert er sogleich, dass hier die Rede von einer durchaus russischen Erscheinung ist - der chandra.

Die beiden Wörter beschreiben den Zustand einer grundlosen Trauer, deren Grad variieren kann, doch ohne ein wirklich kritisches Ausmaß zu erreichen. Im modernen Russischen wird das Wort splin kaum mehr verwendet. Das Wort chandra kommt häufiger vor, aber in der Regel nur in Wortverbindungen (zum Beispiel: „herbstliche chandra“) oder im abgeleiteten Verb chandrit’. Ein moderner russischer Schüler würde beim Nacherzählen von Puškins Roman wahrscheinlich das in den 2000er Jahren in Mode gekommene Wort depresnjak gebrauchen (leichte Depression).

Es gibt viele Wörter, die im Russischen ein vages Gefühl von Traurigkeit, Unzufriedenheit und Unruhe bezeichnen. Die Auswahl eines von ihnen fokussiert die Aufmerksamkeit auf die ein oder andere Bedeutungsnuance. So bezeichnet chandra einen düsteren seelischen Zustand, der auch die körperliche Befindlichkeit betrifft. Jemand, der „chandriert“ benimmt sich ähnlich einem Kranken: er versucht im Bett herumzuliegen, drückt sich vor sportlicher Betätigung, beklagt sich über das Leben und sucht nach Unterstützung in seinem Umfeld.

Eine ganz andere semantische Aura hat das Wort toska. Jemand, der „toskiert“ wird sich kaum beschweren: Dieser Zustand wird in Einsamkeit durchgestanden und vermittelt seinem Träger ein Gefühl der eigenen Bedeutung oder sogar einer gewissen Größe. Vladimir Nabokov, der bekannte russische und amerikanische Schriftsteller, merkte in seinem Kommentar zu „Evgenij Onegin“ an, dass es sich bei der toska um ein besonderes russisches Phänomen handelt, das man nicht genau in andere Sprachen übersetzen kann. Zudem hat die toska, seiner Meinung nach, viele Nuancen: „[…] in seiner größten Tiefe und Schmerzhaftigkeit ist es das Gefühl eines starken, geistigen Leidens ohne irgendeinen bestimmten Grund. Auf weniger schmerzhaftem Niveau ist es ein unklarer Seelenschmerz, ein leidenschaftliches Verlangen bei gleichzeitiger Abwesenheit des gewünschten Objekts, ein schmerzhafte Sehnsucht, eine vage Unruhe, geistiges Leiden und starker Ehrgeiz. In Einzelfällen kann es sich dabei um einen Wunsch nach jemand oder etwas Bestimmtem, um Nostalgie, und Liebeskummer handeln. Auf niedrigerem Niveau geht die toska in […] Langeweile über“.

Toska (etwa Sehnsucht) nach Heimat“ kann bei Menschen auftreten, die weit von Zuhause weg sind und Traurigkeit verspüren, wenn sie sich an heimatlich vertraute Orte erinnern. Doch von etwas Langweiligem, zum Beispiel einem öden Buch oder einer langweiligen Unterrichtsstunde, sagt man: „Toska zelënaja! („grüne toska“)“ oder „Toska smertnaja! („tödliche toska“)“. Aber gleichzeitig ist die toska ein vollkommen besonderer, innerer Zustand vieler, oft dämonischer Helden der Literatur, der ihre Persönlichkeit besonders unterstreicht.

Das Durchleben eines Verlustes oder eines Unglücks wird im Verb gorevat‘ und seinen selteneren Synonymen tužit‘ und kručinit’sja widergespiegelt. Im modernen Sprachgebrauch hört man sie nicht allzu oft, doch jeder kennt sie: wer russische Märchen liest, dem wird sofort auffallen, wie viele Helden in ihnen vorkommen, die „gorieren“, „tužieren“ oder sich „kručinieren“. Doch selbstverständlich werden sie zur rechten Zeit getröstet, da das Gute in diesem Genre stets über das Böse siegt.

Eigentlich müsste man annehmen, dass sich das Wort splin nur in der Erinnerung von Kennern der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts erhalten hat. Doch das ist nicht so: jeder kennt es. Und zwar dank der russischen Rockband „Splin“. Nach eigener Aussage der Bandmitglieder übernahmen sie den Namen nicht von Puškin, sondern wählten ihn unter dem Einfluss des Werkes von Saša Čёrnyj, einem Dichter des „Silbernen Zeitalters“. Ein Lied ihres ersten Albums „Pyl’naja byl’“ (1994) war die Vertonung eines seiner Gedichte: „Ich bin von splin wie von Motten zerfressen, / bestreut mich mit Naphthalin, / legt mich in eine Truhe und stellt mich auf den Dachboden, / bis der Frühling kommt“ („Mit Dämpfer“).


Die Übersetzung ist im Rahmen der Lehrveranstaltung "Übersetzungskurs: Russisch-Deutsch" (unter der Leitung von Peter Siegloch) im Sommersemester 2018 entstanden.

Fußnoten:

1. “Недуг, которого причину / Давно бы отыскать пора, / Подобный английскому сплину, / Короче: русская хандра / Им овладела понемногу” (Пушкин, А.С. Евгений Онегин, Глава I, Строфа XXXVIII). Zu Deutsch: Ein Leiden, welches aufzuklären,/ Obschon verwandt mit Englands Spleen,/ Die Ärzte längst verpflichtet wären,/ Kurz: Rußlands Trübsinn hatte ihn/ Seitdem bedenklich in den Krallen (Puškin, A.S.: Versroman Eugen Onegin, Erstes Buch, Vers XXXVIII)

2. Набоков В. Комментарии к «Евгению Онегину» Александра Пушкина. М.:НПК «Интелвак», 1999. С.151-152

3. Ожегов, С.И. (1983): Словарь русского языка. Стр. 715


Text: Elena Nikolaeva, Svetlana Weimer; Übersetzung: Amalia Kirikova unter CC BY-SA 4.0

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Es ist nicht einfach einen Menschen in Russland zu finden, dem die Rockband Splean unbekannt wäre. Ihr Stil ändert sich von Album zu Album, ihre oft melancholischen und philosophischen Texte haben einen Platz im Herzen von Millionen von Zuhörern gefunden. Lernen auch Sie die Band kennen.
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